La Lettre d'Edouard Carmignac

[Management Team] [Author] Carmignac Edouard

Juli 2016 Edouard Carmignac greift zur Feder und kommentiert aktuelle wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Herausforderungen.

Paris,

Sehr geehrter Anleger,

  Brexit oder nicht Brexit? In den kommenden Monaten wird dieses Shakespearesche Dilemma zweifellos weiterhin das, was einmal ein Vereinigtes Königreich war, beunruhigen und spalten. Aber ist ein Ausscheiden der Briten aus der EU wirklich so lebensgefährlich für die Finanzmärkte? Diese Frage wird mittlerweile so emotional diskutiert, dass es sich lohnt, in diesem Stadium noch einmal zurückzuschauen – mit einem kühleren Kopf. Die unzähligen Bande, die Großbritannien und die Europäische Union im Laufe der Jahre geknüpft haben, machen eine vollständige Trennung extrem kompliziert – und äußerst unwahrscheinlich. Die britische Wirtschaft wird weitgehend von Dienstleistungen getragen, vorwiegend von Finanzdienstleistungen, und deren Zukunft ist sehr anfällig für ungünstige Änderungen von EU-Vorschriften.

  Neu ist dieses Mal, dass sich die Ungewissheit letztendlich als Segen erweisen kann. Die politische und wirtschaftliche Krise, die das Vereinigte Königreich erfasst, hat bereits begonnen, den Gelehrten der nationalen Souveränität, die jüngst in Kontinentaleuropa – zunächst und vor allem an seinem südlichen Rand – an Boden gewannen, ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen. Zudem haben sich die Spreads italienischer und spanischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen in den letzten Tagen nahezu auf Rekordtiefs verengt. Es sieht eher so aus, als würde die ganze Zerreißprobe die EU politisch stärken. Die erste Belastungsprobe für dieses aufkeimende Erstarken wird sein, wie Brüssel auf die Rettungspläne von Matteo Renzi für italienische Banken reagieren wird, deren angeschlagene Gesundheit die Wirtschaft des Landes untergräbt.

  Und die negativen Auswirkungen werden auch nicht auf Europa beschränkt bleiben. Da ihnen in vollem Umfang bewusst ist, wie sehr eine instabilere EU das ohnehin schon flaue Weltwirtschaftswachstum beeinträchtigen würde, haben die Fed und die Bank of Japan wiederholt ihre Entschlossenheit betont, alles zu tun, um die Auswirkungen eines möglichen Brexit einzudämmen. Demzufolge sind die Anleihenrenditen gefallen, und das nicht nur nominal, sondern auch – womit ein neuer Faktor in die Gleichung einfließt – real, womit stärkere Anreize zum Ausgeben und Investieren gegeben sind. Ein weiterer alles andere als banaler Vorteil ist die Tatsache, dass weltweit niedrigere Renditen das Risiko eines Einbruchs des Yuan verringern, der seit vergangenem November bereits 9% gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner Chinas verloren hat.

  Können wir uns also zumindest auf einen friedlichen Sommer für die Finanzmärkte freuen? So weit würde ich angesichts der anhaltend hohen Ungewissheit und der Erfahrungen der vergangenen Jahre nicht gehen. Und dennoch könnte eine übertriebene Angst vor dem Brexit dieses Szenario wahr werden lassen.

  Mit freundlichen Grüßen

Édouard Carmignac
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