26/04/2010 Willkommen im Grand VenitianSehr geehrte Damen und Herren,
„Willkommen im Grand Venitian": Das größte Casino Macaos befindet sich inmitten einer stilgetreuen Nachbildung Venedigs mit Palästen in verschiedenen Pastellanstrichen, Kanälen und Brücken. Nicht zu vergessen die Gondolieri - zwar Chinesen, aber standesgemäß gekleidet -, die die berühmten Bel-Canto-Melodien singen.
Nach meiner jährlichen Reise nach China, das mich mit seiner Dynamik und Veränderungsbereitschaft immer wieder zum Nachdenken bringt, wächst nun bei der Rückkehr in ein krisengeschütteltes Europa meine Wachsamkeit umso mehr. Noch vor kaum sechs Monaten habe ich Ihnen geschrieben, dass „die Märkte in Anbetracht der aktuellen Zinsen für Staatsanleihen gegenüber unseren Regierungen besonders wohlwollend sind. Da uns die Erwartung illusorisch scheint, der Aufschwung werde stark genug sein, um diese Verschuldung aufzufangen, ist ernsthaft zu befürchten, dass die Anleger wählerischer werden."
Heute wird die Griechenlandkrise allgemein als kleinerer Zwischenfall abgetan, um den man sich erst wirklich kümmern müsse, wenn sich das Eingreifen des IWF als unzureichend erweisen sollte. Wie aber kann man übersehen, dass diese Krise den Euro grundsätzlich als einen trügerischen und schädlichen Schutzmechanismus in Frage stellt, der die meisten Länder der Eurozone, die erdrückende Fehler bei der Verwaltung ihrer öffentlichen Finanzen und ihrer Arbeitsmarktpolitik begingen, zu Unrecht vor der Strafe der Märkte geschützt hat? Es ist doch zumindest surreal, wenn der Führer der französischen Opposition, die bei den letzten Wahlen deutliche Zuwächse verzeichnen konnte, die Wiedereinführung der 35-Stunden-Woche fordert.
Die Lektionen der Griechenland-Krise sind nicht verstanden worden. Die Reformen, die noch zu relativ schmerzlosen Bedingungen hätten durchgeführt werden können, werden nun unter dem Druck der Märkte und zum Preis eines allgemeinen Rückgangs des Wohlstands umso drastischer ausfallen.
Es scheint mir auch nicht illusorisch, dass asiatische Reiseprospekte mit der Überschrift „Willkommen im Grand Europe" bald mit der Schönheit unserer Frauen, dem Charme unserer alten Städte und unserer guten Luft, die nach dem Verschwinden der Industrie so herrlich sauber geworden ist, werben, und all das zu Preisen, die aufgrund unserer schwachen Währung unwiderstehlich sind.
Mit freundlichen Grüßen
Edouard Carmignac